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Das Milliarden-Geschäft mit der Energie: Wie unsere Strompreise an einer Börse in Leipzig entstehen
Zusammenfassung:Nicht nur die Gaspreise, auch die Strompreise explodierten.picture alliance/dpa | Federico Gambarini
Nicht nur die Gaspreise, auch die Strompreise explodierten.
picture alliance/dpa | Federico Gambarini
Die Strompreise haben aktuell ein Rekordniveau erreicht. An der Börse wurden am Mittwoch 570 Euro pro Megawattstunde, also umgerechnet 57 Cent pro Kilowattstunde erreicht.
Die hohen Preise haben unter anderem mit dem Merit-Order-Prinzip zu tun. Demnach bestimmen im Moment die extrem teuren Gaskraftwerke den Strompreis in Deutschland.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kündigte zuletzt eine grundlegende Reform des Energiemarktes an, die zusammen mit den europäischen Partnern erarbeitet werden soll.
Nicht nur die Gas-, auch die Strompreise befinden sich aktuell auf einem Rekordniveau. Laut dem Vergleichsportal Verivox liegen die Stromkosten für einen Drei-Personen-Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden im bundesweiten Durchschnitt bei 1832 Euro. Das entspricht einem Preis von rund 46 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lag der Durchschnittspreis noch bei 1213 Euro – das entspricht einem Preisanstieg von 51 Prozent.
Der Preis für die Verbraucher entsteht letztlich an der sogenannten Strombörse. Dort wird weltweit mit Energie gehandelt. Wie auch bei Aktien ist es an der Strombörse schwierig vorherzusagen, wie sich die Preise weiter entwickeln. Das liegt auch Prinzip des Stromhandels an sich – warum, das erklären wir im folgenden.
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Wie funktioniert der Strommarkt?
Die durch den Konflikt mit Russland gestiegenen Gaspreise beherrschen seit Wochen die öffentliche Debatte – der Fall Uniper zeigt, wie sich die Energiekrise auch auf die Strompreise auswirkt.
Um das zu verstehen, muss man wissen, wie Strom gehandelt wird: Auf dem Strommarkt werden Energiemengen aus unterschiedlichen Quellen und unterschiedlichen Kraftwerken angeboten. Die Energie verkaufen Erzeuger an Unternehmen, die sie entweder an ihre Kunden weitergeben oder selbst verbrauchen.
Seitdem der Strommarkt Ende der 90er Jahre liberalisiert wurde, gelten für diesen Markt die allgemeinen Wettbewerbsbedingungen. Demnach kann Strom an der Börse gehandelt werden. Das passiert an der EEX-Börse, der „European Energy Exchange in Leipzig.
Mitarbeiter der Strombörse
picture alliance / Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa | Sebastian Willnow
Die Strombörse befindet sich in einem Hochhaus in Leipzig
picture alliance / NurPhoto | Maxym Marusenko
Die unterschiedlichen Varianten, mit Strom zu handeln, werden als Strommarktdesign bezeichnet. Dabei geht es darum, den Markt so zu organisieren, dass eine sichere Stromversorgung gewährleistet wird. Das Ziel besteht darin, eine möglichst kostengünstige und umweltfreundliche Versorgung zu garantieren.
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Wie wird Strom an der Börse gehandelt?
Das passiert an der Börse auf drei verschiedenen Wegen:
Bei dem Intraday-Markt handelt es sich um einen spontanen Handel mit Strommengen in Zeitspannen von Viertelstunden bis Stundenblöcken, die im Laufe eines Tages gehandelt werden. Wird eine Strommenge zum Beispiel um 14:15 mit Zuschlag gekauft, kann sie schon um 15 Uhr ins Netz geschickt werden. Dieser kurzfristige Handel ermöglicht, dass Fehlmengen oder Überschüsse gering gehalten werden, damit die Prognose möglichst exakt erfüllt wird.
Der Day-Ahead-Markt umfasst die Stromlieferungen für den kommenden Tag. Diese Geschäfte müssen dann bis 12 Uhr des Vortags getätigt werden.
Auf dem Terminmarkt werden Lieferungen mit längerem Vorlauf gehandelt. Dieser ist ein „Energy-only-Markt. Käufer zahlen somit nur die tatsächliche Energiemenge ohne weitere Vergütungen. Er zahlt daher nicht für die Kraftwerkleistung, die benötigt wird, um die Energiemenge überhaupt erst zu erzeugen.
Wer gibt den Strompreis vor?
Das Merit-Order-Prinzip, das auch als Grenzkostenprinzip bezeichnet wird, bestimmt die Preisentwicklung des Stroms anhand einer bestimmten Reihenfolge, mit der die Nachfrage am Strommarkt bedient wird. Demnach werden die günstigsten Kraftwerke zuerst herangezogen, um die Nachfrage zu decken – zum Beispiel die Windkraftanlagen. Weil sich die Preise dann stark erhöhen, profitieren die Anbieter erneuerbarer Energien
Im Sinne der Merit-Order richtet sich der Strompreis nach dem letzten geschalteten Stromerzeuger, der gebraucht wird, um den Strombedarf zu decken. Und das wirkt sich unmittelbar auf die Preise aus, denn im Moment sind es die sehr teuren Gaskraftwerke, die die letzte benötigte Kilowattstunde Strom liefern.
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Wie kommt der Strompreis an der Börse bei den Verbrauchern an?
Die Preise an der Börse lassen sich nicht direkt auf die Verbraucher übertragen. „Der aktuelle Strombörsenpreis hat keine direkten Auswirkungen auf die Verbraucherinnen und Verbraucher, da die Stromversorger ihre Strommengen zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in unterschiedlichen Liefermengen beschaffen, sagte Verivox-Energieexperte Thorsten Storck Business Insider.
Sie würden jedoch ein deutliches Zeichen für die zukünftige Preisentwicklung geben. Daher geht Storck von flächendeckenden Strompreiserhöhungen in den kommenden Monaten aus. Das genaue Ausmaß lasse sich aufgrund der sich ständig verändernden Marktlage derzeit aber nicht prognostizieren.
Bund und EU wollen den Strommarkt reformieren. Was ist geplant?
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte zuletzt eine grundlegende Reform des Strommarktes angekündigt, um die Entwicklung der Endkundenpreise für Strom vom steigenden Gaspreis zu entkoppeln.
Aufgrund der Komplexität des Stromhandels, müssten aber auch die europäischen Partner in eine solche Reform eingebunden werden, hieß es laut Tagesschau aus dem Wirtschaftsministerium. Das Thema soll bei einem Sondertreffen der für Energie zuständigen EU-Minister am 9. September besprochen werden. Nach Spiegel-Informationen arbeitet das Wirtschaftsministerium derzeit außerdem an einer Übergewinnsteuer auf Strom aus erneuerbaren Energien und Braunkohle.
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Auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte eine Reform des Strommarktes in der EU an. “Die in die Höhe schießenden Strompreise zeigen gerade aus verschiedenen Gründen die Grenzen unseres jetzigen Strommarktdesigns auf”, sagte von der Leyen bei einer internationalen Konferenz in Slowenien am Montag.
SPD-Wirtschaftspolitiker Bernd Westphal, könne sich laut Bayerischem Rundfunk auch vorstellen, den Strompreis an den tatsächlichen Kosten des Erzeugers zu ermitteln und nicht anhand des Höchstpreises. Eine Megawattstunde Windstrom oder Solarstrom wäre demnach günstiger, als Kohle- oder Atomstrom, für den ein großes Kraftwerk mit Kühlkreislauf und Brennstoff benötigt wird.
Die Strombörse EEX hält die Merit-Order allerdings für richtig. Die aktuelle Marktsituation sei nicht auf das Marktdesign zurückzuführen. Der Strommarkt liefere jeden Tag aussagekräftige Preissignale, die unverzichtbar seien. „Sie machen die aktuelle Lage transparent und senden eine klare Botschaft. Nämlich die, wie dringend es ist, vor allem Gas einzusparen und wie massiv die erneuerbaren Energien jetzt ausgebaut werden müssen, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel-Background.
Der Strommarktexperte Lion Hirth von der Hertie School äußerte sich dazu ebenfalls im Tagesspiegel-Background. Er ist dafür, die Merit-Order beizubehalten. Anstatt zurück zur Regulierung zu gehen, sei es sinnvoller, Verbraucher gezielt zu entlasten.
Wie funktioniert eine Strompreisbremse?
Im Zuge des dritten Entlastungspakets hat die SPD eine Strompreisbremse vorgeschlagen. Für einen gewissen Grundbedarf, der noch nicht berechnet wurde, soll der Preisanstieg demnach gedämpft werden. Zudem steht eine Härtefallregelung im Raum, falls Mieter ihre Stromrechnungen nicht bezahlen können.
Österreich will ebenfalls mit einer Strompreisbremse auf die gestiegenen Preise reagieren. Dazu hat die Regierung laut dem Bayerischen Rundfunk einen Auftrag an das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) vergeben, um ein unbürokratisches Modell zu erarbeiten.
Laut Wifo-Chef Gabriel Felbermayr soll dadurch der Basisverbrauch in jedem Haushalt vergünstigt werden, sodass der Preis auf dem Niveau wie vor dem Ukraine-Krieg liegt. Die Strompreisbremse soll allerdings nur für einen bestimmten Verbrauch gelten, um die Menschen zu animieren, Strom einzusparen. Alles, was darüber hinaus verbraucht wird, soll zu den teuren Marktpreisen abgerechnet werden.
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mit Material der dpa / cb
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